Beweidung

Warum Beweidung und nicht Mahd?

Noch nach der letzten Eiszeit vor rund 11.500 Jahren gab es Herden großer Pflanzenfresser wie Auerochse und Wisent, die eine vollkommene Verwaldung der Landschaft in Mitteleuropa verhinderten. Später übernahmen die sesshaft gewordenen Menschen mit Viehzucht und Ackerbau diese Funktion. An der Thermenlinie geschah das vor rund 7.600 Jahren. Karge Flächen – wie die Landschaft der Heide – wurden von jeher als Weiden genutzt, weil sie weder für die Heuproduktion noch für den Ackerbau geeignet sind. Über Jahrtausende haben sich die Pflanzen und Tiere an die Weide-Nutzung angepasst.

Zahlreiche Arten können nur bei viel Licht und auf offenen Bodenstellen, die durch Beweidung immer wieder neu entstehen, keimen. Für viele wärme- und trockenheitsliebende Tierarten sind diese offenen Bodenstellen überlebenswichtig. Sie nehmen dort Sonnenbäder, ihre Eier und Larven benötigen die Wärme für ihre Entwicklung. Viele Tiere sind auf ganz bestimmte Trockenrasenpflanzen als Nahrung spezialisiert. Daneben gibt es z.B. Käferarten, die speziell von Pflanzenfresser-Dung abhängig sind.

Viele Pflanzenarten wie Feld-Mannstreu, Silberdistel, Dorn-Hauhechel, Stacheligste Rose, Österreich-Kranzenzian oder Frühlings-Adonis entwickelten Verteidigungsmechanismen wie Stacheln, Dornen, Bitterstoffe und Giftstoffe. Andere weichen mit tief liegenden Rosetten oder unterirdischen Stämmchen wie Thymian und Herzblatt-Kugelblume dem Abgefressenwerden aus oder nutzen mit stacheligen oder klettenden Früchten die Weidetiere sogar zur Verbreitung ihrer Samen.

Mahd anstatt Beweidung von Trockenrasenflächen würde viele seltene, an Beweidung angepasste Arten zurückdrängen oder sogar für immer zum Verschwinden bringen. Außerdem nimmt durch Mahd die Zahl der so wichtigen offenen Bodenstellen ab. Abgesehen davon, dass die Heide oder der Hochberg nur mit großem Aufwand gemäht werden könnten, kommen bei der Mahd auch viele Tiere ums Leben.

Trockenrasen im Frühjahr ©  Alexander Mrkvicka

Auf den offenen Bodenstellen blühen im Frühjahr zahlreiche winzige, einjährige Pflanzen, die den Sommer als Samen überdauern.

Offene Bodenstellen im Trockenrasen ©  Alexander Mrkvicka

Nur auf den felsigen Hügelkuppen halten sich offene Bodenstellen auch einige Jahre ohne Beweidung.

Federgras ©  Alexander Mrkvicka

Federgras, eine typische Steppenpflanze, profitiert von Beweidung, denn die harten Blätter werden nicht gerne gefressen. Daher entsteht zwischen den Grashorsten viel offener Boden für wärmeliebende Arten.

Steinschafe © Irene Drozdowski
Krainer Steinschafe sind eine robuste, seltene und gefährdete Haustierrasse. Sie sind die idealen Trockenrasen-Pfleger.

Wie?

Über Jahrhunderte wurde die Heide mit Rindern und Pferden beweidet, die täglich von einem Hüter aufgetrieben wurden. Heute ist dies in einem intensiv genutzten Erholungsgebiet und mit der vergleichsweise geringen Fläche nicht mehr möglich. Bei der naturschutzfachlichen Beweidung von Trockenrasen kommen daher oft Schafe zum Einsatz, wobei unterschiedliche Schafrassen sehr unterschiedlich fressen. Manche Rassen sind daher besser geeignet als andere.

Auf Trockenrasen werden eher kleine, robuste, hitzetolerante und genügsame Schafe eingesetzt, die wenig wählerisch beim Fressen sind und daher vor allem auch Gräser wie die Fieder-Zwenke und abgestorbene Pflanzenteile fressen. So wird der Kräuterreichtum gefördert und die Entstehung einer verfilzten Pflanzenschicht am Boden verhindert, sodass Sonne und Wärme bis zum Boden dringen können. Seit dem Jahr 2009 weiden auf der Heide die Krainer Steinschafe von Familie Frank/Bioschafhof Sonnleitner, eine seltene, gefährdete Haustierrasse, die genau diese Anforderungen erfüllt.

In einem verfilzten Trockenrasen dringen die seltenen, zum Teil winzigen Trockenrasen-Pflanzen kaum mehr durch die Streuschicht. Gleichzeitig wird der Boden durch die Streuschicht kühl und feucht gehalten.
Nach einigen Jahren Beweidung ist der Trockenrasen wieder lückig und viel artenreicher. Die Wärme dringt bis zum Boden.

Beweidet wird mittels eher kleiner Elektrozaun-Koppeln, die nach einigen Tagen weitergestellt werden, wenn die Pflanzen kurz gefressen sind. Das ist einerseits für ein optimales Fraßbild wichtig (die Schafe fressen dann auch weniger schmackhafte oder trockene Pflanzen gut ab) andererseits kann so der Parasitenbefall bei den Weidetieren verhindert bzw. minimiert werden. So wandern die ein bis drei Herden schrittweise über die Heide.

Wo und wann beweidet wird, erfolgt aber nicht zufällig und nach Lust und Laune. Die Beweidung folgt einem Managementplan, dessen erste Fassung von der Universität für Bodenkultur ausgearbeitet wurde. Über die Jahre wurde dieser Managementplan nach Beweidungserfahrungen und Ergebnissen von Forschungsprojekten laufend durch die Biologen des Heidevereins angepasst. Wichtig ist einerseits eine Beweidungstradition (das heißt, die gleichen Flächen jedes Jahr in etwa um die selbe Zeit zu beweiden), damit sich Tiere und Pflanzen an die Nutzung anpassen können. Gleichzeitig ist das Management aber ein adaptives, das heißt es folgt nicht einem strengen Zeitplan, sondern das Wetter des Beweidungsjahres, die aktuelle Witterung oder besondere Beobachtungen bzw. neue Anforderungen durch Forschungsprojekte werden mit berücksichtigt. Circa alle drei Wochen besichtigen die Biologen des Heidevereins gemeinsam mit dem Schäfer die nächsten Weideflächen.

In artenreichen Gebieten wie Trockenrasen ist eine mosaikartige, zeitlich gestaffelte und gezielte Beweidung der Teilflächen äußerst wichtig, damit unterschiedlichste Blütenpflanzen blühen und aussamen können, als Nahrung für Insekten zur Verfügung stehen und Tiere als Eier, Larven oder Puppen überleben und mobile Tiere in unbeweidete Bereiche ausweichen können. Auch wüchsigere Bereiche haben in so einem Mosaik einen hohen Wert.

Jedes Jahr gibt es auch mosaikartig über die Heide verteilte Bereiche, die unbeweidet bleiben. Hier können Tiere, die spät schlüpfen fressen oder in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien in der Bodenstreu, in und an Pflanzenstängeln oder in Blütenköpfchen und Samen überwintern.

„Weidepflege“ in Form der leider in der intensiven Landwirtschaft und für Kulturweiden häufig verlangten „Nachmahd“ nach der Beweidung soll auf beweideten Trocken- und Halbtrockenrasen unbedingt unterbleiben, da sonst seltene weideangepasste Pflanzen zurückgedrängt und wichtige Überwinterungsplätze wie harte Pflanzenstängel zerstört werden.

Keinesfalls dürfen die Schafe auf der Weide zugefüttert werden, denn ihre Aufgabe ist es, den Flächen Nährstoffe zu entziehen. Das Füttern der Schafe auf der Heide ist daher – auch aus Schaf-gesundheitlichen Gründen – streng verboten!

Wann?

Die Beweidung der Heide erfolgt – je nach Frühlingsbeginn, Wintereinbruch, Witterung und Vegetationsentwicklung – etwa von April bis Oktober, manchmal auch bis in den November hinein. Zuerst werden wüchsige Flächen beweidet, deren Vegetation schon im Frühling relativ hoch steht und ausreichend Futter bietet. Ziel ist es, diese Flächen immer weiter auszuhagern, also Nährstoffe zu entziehen. So wird die Vegetation über die Jahre lockerer und kürzer, Gräser werden zurückgedrängt und auch lichtbedürftigere Arten haben eine Chance zu wachsen. In den nährstoffreichen Gräben, in denen der Wiesen-Kerbel sehr reichlich wächst, bleiben aber Teilflächen bis in den Sommer unbeweidet, denn für viele seltene Hautflügler, die nur einen kurzen Rüssel haben, sind die kleinen, flachen Blüten eine wichtige Nahrungsquelle. Ab Mitte/Ende Juni folgen mosaikartig die ersten Halbtrockenrasen. Mit Spätsommer beginnt die Beweidung der Südhänge und besonders kargen Flächen.